6# LA SUPERBA
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Gleich vorweg: Im Spiel kommt Genua nicht vor. Es findet sich nicht auf der Karte und wird auch nicht erwähnt. Wieso schreibe ich im Terraeterno-Buch also über Genua?

Selbstverständlich kommt das nicht gänzlich aus dem nichts, denn der sehr wohl im Spiel vorkommende und durchaus wichtige Christoph Kolumbus stand zwar im Dienste Spaniens, ist aber in Genua geboren. Diese Aussage kann als umstritten angesehen werden, doch gibt es diverse Quellen, die diesen Geburtsort bestätigen. Tiefer möchte ich gar nicht in den weiteren Verlauf seines jungen Lebens einsteigen und nutzt diesen Ort zum einen als Zwischenstopp und Missionsgeber für Ark, als auch für eine zusätzliche, eigene Storyline mitsamt eigenen Charakteren. Wir treffen auf Kolumbus Ehefrau Valeria, dem General Angelo Delvecchio, seinem Bruder und Soldat Giacomo Delvecchio, die reale Figur des Admirals Andrea Doria, als auch dem Dogen Paolo di Campofregoso mitsamt seinem Berater Prospero Spinola.

Es war mir ein Bedürfnis einen weiteren Handlungsort im heutigen Italien zu integrieren, der sich zudem gut in die Terranigma-Story einbindet. Das erste Kapitel „FILII MARIS“ findet während Arks Zeit in Tibet statt und führt die neuen Charaktere ein.

Hier ein Ausschnitt:

….

„Giacomo, wie schön dich wiederzusehen“, sagt Angelo und drückt seinen etwa einen Kopf kleineren Bruder an seine Brust.

„Der Erstgeborene Genuas ist zurückgekehrt. Oh, ihr Götter, womit haben wir das bloß verdient“, scherzt Giacomo mit einem breiten Grinsen und klopft seinem älteren Bruder kräftig auf die Schultern.

„Ich werde wohl erst meinen verdienten Ruhestand nehmen können, sobald ich dir nicht mehr den Unterschied zwischen Primitivo und Lambrusco erklären muss. Ich werde wohl ewig leben müssen.“

„Ich sehe du bist gut gelaunt zurückgekehrt. Sonst so gar nicht deine Art. Korsika muss gut gelaufen sein“, sagt Giacomo.

„Meine erste Ausbildungsmission. Die Jungs auf der Insel haben gut mitgemacht. Daraus könnte wirklich etwas entstehen. Nun ja, kein Blut, kein einziger Toter, keine Särge, die vom Schiff geladen werden müssen. Ich glaube, daran könnte ich mich gewöhnen.“

„Wo bleibt denn da das Heldentum? Aber ich sehe schon, dass Alter macht uns ruhiger.“

„Reifer.“

„…oder auch das. Schlaf mir aber ja nicht ein großer Mann. Nun, ich lasse dich mal weiterziehen. Wenn du heute noch zu deinem Schläfchen kommen möchtest, solltest du schnell noch deine Aufwartung beim Dogen hinter dich bringen. Du weißt, wer es diesmal ist?“, fragt Giacomo.

„Ein Campofregoso nehme ich an.“

„Es ist immer ein Campofregoso. Meistens zumindest.“

„Pietro?“

„Paulo!“

„Ah, natürlich“, sagt Angelo und fasst sich an die Stirn.

„Glaub ja nicht, dass ich nicht merke, wenn du mich auf den Arm nehmen möchtest, indem du den Ahnungslosen spielst“, sagt Giacomo mit erhobenem Zeigefinger. „Auch ich lerne dazu und durchschaue deine Altherrentricks.“

„Ich bin gar nicht so schlau wie ich aussehe, schließlich bin ich ein Delvecchio. Ich werde deiner neu dazugewonnen Intelligenz jedoch mit großer Sorge Rechnung tragen. Nun entschuldige mich kleiner Mann, man erwartet mich im Palazzo“, verabschiedet sich Angelo besonders höflich.

Giacomo klopft erneut mit der Faust auf dessen Schulter und zieht freudestrahlend davon. Angelo Delvecchio ist wieder zurückgekehrt, doch bevor er seine Pflicht beim Dogen, dem alle zwei Jahre wechselnden Herrscher der Stadt, erfüllen kann, wird er erneut von einem bekannten Gesicht aufgehalten. Diesmal ist es das einer Frau, deren Gesichtszüge das exakte Gegenteil der freudigen Leichtigkeit seines Bruders darstellen. Angelo senkt den Kopf und blickt ihr unter das seidene, hellblaue Kopftuch.

„Valeria?“

Sie zieht das Tuch herunter und ihre herzenswarmen, braunen Augen sprechen von kalter Traurigkeit.

„Du erkennst mich also noch?“

……

Die Oper

Ein weiterer Anreiz für den Genua-Abschnitt war es einen Gesangsauftritt bzw. eine Oper zu integrieren. Anfangs wollte ich hierfür den Song Pearls von Ilaria Graziano verwenden, dessen Text wunderbar zur Gefühlslage von Kolumbus Ehefrau passt. Leider passen der Stil und die eingesetzten Instrumente nicht wirklich zur damaligen Zeit, weshalb ich die Lyrics stattdessen in einem Brief wiederverwende und als Musikstück auf den Operngesang aus FF VI ausweiche. „Aria di Mezzo Carattere“, ein großartiges Werk des Großmeisters Nubou Uematsu. Dies alles wäre in einer finalen Buchfassung natürlich nicht zu hören, aber bislang wird das Buch mit Begleitmusik gelesen.

Hier eine Variante von „Aria di Mezzo Carattere“: https://www.youtube.com/watch?v=eGl4FqUeFS0

Die von mir bevorzugte Version habe ich auf die Schnelle nicht mehr auf youtube gefunden.
Und hier die ursprüngliche Inspiration zu Valeria Kolumbus durch Pearls: https://www.youtube.com/watch?v=1Lp9SiOML5Y

Zurück zum Buch. Der Auftritt findet im Palazzo Doria Tursi statt. Das Kapitel LACRIMOSA erzählt von einem Abend der Kunst, des Sehen und Gesehen-Werdens, der Begegnung zwischen Valeria und Ark und einer schmerzhaften Offenbarung Fydas, die das weitere Schicksal und die Beziehung zwischen Fyda, Melina und Ark auf die Probe stellt.

Inspirationsquellen und Recherche

Für Genua gibt es tatsächlich weniger Bücher, Filme und Spiele als mir lieb ist. Irgendwie dreht sich alles immer bloß um Rom und Venedig und ich gehe sogar stark davon aus, dass ein Großteil der nicht europäischen Welt überhaupt nichts von der Existenz Genuas weiß. Ein Grund mehr, diese eigene Storyline zu erschaffen, die sich in Terranigma nicht wiederfindet.

Letztendlich bin ich doch noch fündig geworden und habe mit Franz Kurwoskis „Genua aber was mächtiger“ ein sehr umfangreiches Buch über die Geschichte dieser einst mächtigen Seemacht gefunden. Das Buch nimmt einen archäologischen Anfang um die 200.000 vor Christus und behandelt im weiteren Verlauf jeden einzelnen Krieg und Konflikt seit dem ersten Punischen Krieg 264 v. Chr. Im Fokus liegen die späteren Konflikte Genuas mit Pisa, Venedig, Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich. Genuas Geschichte ist gespickt mit unzähligen spektakulären Schlachten zu Land und insbesondere zur See, Kriegen und Bündnissen mit allen Mächten der früheren Zeit, Intrigen und Machtergreifungen und herausragenden Persönlichkeiten wie bspw. dem Admiral Andrea Doria. Wer sich von detaillierter Geschichtsbeschreibung bis auf die Angabe der exakten Truppenstärke und Vertragszahlungen nicht abschrecken lässt, findet mit diesem Buch die Bibel Genuas.

Auszug aus einem Terraeterno-Kapitel:

Helden und Legenden, Engel und Götter, Könige und Kaiser, sie alle prangen an den hohen Wänden und breiten Decken und sehen heute auf die Schlacht zweier Männer, die ihren Waffen nicht etwa in den Händen, sondern auf ihren spitzen Zungen zu Kampfe führen. Der führende Dogenberater Prospero Spinola steht auf erhobener Stufe, ihn gegenüber der Admiral Andrea Doria, dessen niedrigerer Stand ihn nicht die Augenhöhe streitig zu machen vermag. Dorias bereits ergrautes Haar, sein allgemeinhin ruhiges Gebaren als auch seine melancholische Art und Weise auf die Geschehnisse zu blicken zeugen von seiner langjährigen Erfahrung in Dingen der Politik und des Krieges. Heute jedoch ersucht er einen Mann, der weder von dem einen noch von dem anderen mit Erfahrung oder auch bloß dem nötigen Fingerspitzengefühl gesegnet ist. Einem Mann, der trotz seiner unverkennbar fehlenden Eignung eines der höchsten Ämter der Republik innehat und selbst ohne Scham von diesem Ungleichgewicht zu wissen als auch zu zehren gewillt ist.

„Ich bitte euch wahrlich nicht um viel, wenn die Leben zweier verdienter Söhne Genuas unrechtmäßig ihrer Freiheit beraubt sind“, spricht Doria.

„Sind sie das wirklich? Verdient? Verdient in dem Sinne, der eines Admirals wie euch zuteil ist wie ich meine. Reden wir etwa nicht über einen abtrünnigen Seefahrer und einem General, der persönliche Gefälligkeiten den Befehlen des Dogen vorzieht?“

„Einen Seefahrer, der auch uns einen neuen Handelsweg nach Westen ermöglicht und somit unsere Konkurrenz im Osten erheblich geschwächt hat. Ohne unser Zutun wohlgemerkt. Ein General, der für jeden Genuesen einsteht, sei er noch so lange und noch so fern. Die Moral unserer Streitkräfte ist durch ihn so stark wie nie zuvor.“

„Und doch bleibt es Befehlsverweigerung, die Delvecchio beging. Wenn ein einzelner seine Rechte, über die der anderen erhebt, ist es um die Moral geschehen. Das werdet ihr in eurer Flotte doch nicht anders sehen, möchte ich doch denken.“

„Da muss ich euch beipflichten Spinola. Ein Grund mehr ihn in der Not zur Hilfe zu eilen und ihn nach seiner Heimkehr eine gerechte Strafe aufzuerlegen.“

„Und welche Not soll das sein? Lasst mich raten, ja ich erinnere mich an den Besuch seines jüngeren Bruders, wie war gleich noch sein Name? Gian…Gio…nun er hat keinen sonderlichen Eindruck hinterlassen. Rüpelhaft und undankbar war er. Ich hoffe doch, dass ihr seinem Wort nicht mehr beimesst als unbedingt notwendig.“

„Giacomo Delvecchio steht seinem Bruder in Kraft und Tapferkeit in nichts nach. Nicht wenige geben ihm den Beinamen Leonidas.“

„Leonidas, dass ich nicht lache. Vielleicht ein Löwenjunges, alt genug um zu Brüllen und doch noch lange tapsig auf den weichen Pfoten.“

„Seine fehlende Erfahrung macht er mit zusätzlicher Leidenschaft wett. Wenn er seinen Bruder in der Gefangenschaft Kastiliens weiß, dann glaube ich ihm.“

„Ein Gerücht, welches jeglicher Grundlage entbehrt. Angelo Delvecchio könnte überall sein. Vielleicht eifert er dem berühmten Venezianer nach uns sucht sein Heil im fernen Osten, wo er mit den Wilden kräftige Pferde züchtet.“

„Wir wissen beide, dass er in Barcelona an Land ging.“

„Sollen wir nun jedes katalanische Bordell nach unseren wortbrüchigen Generälen befragen?“

…..

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